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10.09.2026 -

Freie Berufe im Aufwind: „Viele Menschen wünschen sich mehr Selbstbestimmung“

Einleitung

Die Zahl der Gründungen in den Freien Berufen steigt. Julia Miller vom Institut für Freie Berufe (IFB) erläutert im Interview die vielfältigen Gründe dafür. Dabei rückt auch eine neue Herausforderung in den Blick: Was bedeutet der zunehmende Einsatz von KI für die Freiberuflichkeit – insbesondere dort, wo die eigene schöpferische Leistung eine zentrale Rolle spielt?

Mann und Frau stehen in einem Büro am Schreibtisch vor einem Bildschirm.

© iStock/xavierarnau

Über die positive Entwicklung bei den Freien Berufen berichtete zuletzt das Institut für Mittelstandsforschung Bonn: Für 2025 wurden rund 110.000 Gründungen registriert. Dabei fallen ganz unterschiedliche Tätigkeiten unter den Begriff. So zählen zu den Freien Berufen unter anderem IT-, Beratungs- und Kreativberufe, aber auch Architektinnen, Ingenieure oder klassische Heilberufe. Der strukturelle Wandel setzt sich damit fort: Wissensbasierte Gründungen und Dienstleistungen werden wichtiger. Mit Julia Miller, Leiterin des Teams Gründungsberatung am IFB, sprachen wir über die Hintergründe dieser Entwicklung.

Frau Miller, was sind die wichtigsten Treiber der steigenden Gründungszahlen in den Freien Berufen?

Der wichtigste Treiber ist nach wie vor die Digitalisierung. Sie hat die Einstiegshürden für viele Freiberuflerinnen und Freiberufler deutlich gesenkt. Ein Grafikdesign-Studio kann heute beispielsweise komplett virtuell starten. Man braucht nicht sofort eigene Räumlichkeiten und kann Kunden bundesweit oder sogar international erreichen. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel. Viele gut qualifizierte Fachkräfte wünschen sich mehr Flexibilität, mehr Selbstbestimmung und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Das spüren wir auch in unseren Beratungen. Viele Menschen möchten sich aus starren Strukturen lösen und ihren beruflichen Weg eigenständiger gestalten. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt. Viele haben erlebt, dass digitales Arbeiten sehr gut funktionieren kann und möchten diese Flexibilität auch in der Selbstständigkeit weiter nutzen.

Beobachten Sie in bestimmten Bereichen eine besonders hohe Nachfrage?

Besonders stark entwickeln sich gesundheitsnahe Berufe sowie Coaching, Mediation und Supervision sowie Beratungsangebote. Themen wie mentale Gesundheit und Konfliktbewältigung sind gesellschaftlich deutlich präsenter geworden. Der demografische Wandel erhöht außerdem den Bedarf an Dienstleistungen wie Physiotherapie oder Ergotherapie. Und IT-Berufe, etwa in der Softwareentwicklung oder Cybersicherheit, bleiben ohnehin stark gefragt.

Viele dieser Tätigkeiten lassen sich vergleichsweise einfach allein ausüben. Spiegelt sich das auch in den Gründungen wider?

Ja, viele Freiberuflerinnen und Freiberufler starten als Einzelunternehmer. Gerade in kreativen, beratenden oder digitalen Berufen ist das oft unkompliziert möglich. Die Investitionskosten sind überschaubar und man benötigt nicht von Beginn an ein Team. Anders sieht es bei vielen kammergebundenen Freien Berufen aus. Bei Architektinnen und Architekten, Ingenieurinnen und Ingenieuren oder auch Steuerberaterinnen und Steuerberatern beobachten wir teilweise rückläufige Gründungszahlen. Dort sind die Investitionen häufig deutlich höher, das unternehmerische Risiko größer und oft müssen Mitarbeitende eingestellt werden. Wir erleben außerdem, dass viele junge Fachkräfte zunächst den Weg in eine Anstellung wählen. Sie möchten Berufserfahrung sammeln, sich vernetzen und zunächst die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses nutzen.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz für die Freien Berufe?

KI schafft neue Möglichkeiten und bringt gleichzeitig neue Berufsbilder hervor. Sie wird bereits heute in vielen Bereichen eingesetzt – etwa in der Medizin, der Rechtsberatung oder bei kreativen Tätigkeiten. Gleichzeitig entstehen neue Spezialisierungen rund um KI-Anwendungen.

Wichtig ist aber, dass KI als Werkzeug verstanden wird. Die persönliche Verantwortung und die eigenständige fachliche Leistung bleiben zentrale Merkmale der Freiberuflichkeit. Gerade in sensiblen Bereichen wie Medizin, Psychologie oder Rechtsberatung dürfen Qualitätsstandards, Datenschutz und berufsethische Anforderungen nicht aus dem Blick geraten.

Sie sprechen in Ihren Beratungen auch einen heiklen Aspekt an: Ein sehr intensiver KI-Einsatz kann Auswirkungen auf den Freiberuflerstatus haben…

Das ist tatsächlich ein sehr spannendes Thema. Für die Freiberuflichkeit ist häufig entscheidend, dass eine persönliche und eigenverantwortliche Leistung erbracht wird. Bei künstlerischen Tätigkeiten spielt beispielsweise die sogenannte eigenschöpferische Leistung eine wichtige Rolle. Wenn ein erheblicher Teil der Arbeit durch KI erzeugt wird, kann die Frage entstehen, wie groß der eigene schöpferische Beitrag noch ist. Im Rahmen einer steuerlichen Prüfung könnte das künftig relevant werden. Dies könnte im Einzelfall dazu führen, dass die freiberufliche Tätigkeit nicht mehr anerkannt wird und eine Einstufung als gewerbliche Tätigkeit erfolgt. Dabei muss man allerdings betonen, dass sich die Rechtslage noch entwickelt. Aktuell gibt es noch keine gefestigte Rechtsprechung dazu, wie KI-Einsatz bei der Bewertung freiberuflicher Tätigkeiten einzuordnen ist. Dennoch ist das ein Thema, das Gründende im Blick behalten sollten.

Warum ist die Abgrenzung zwischen Freiem Beruf und Gewerbe so wichtig?

Weil sie erhebliche Auswirkungen hat. Die Einordnung beeinflusst unter anderem steuerliche Fragen, die Rechtsform, die Kammerzugehörigkeit oder auch Fördermöglichkeiten. Viele Gründungsinteressierte wissen zunächst gar nicht, ob ihre Tätigkeit als Freier Beruf oder als Gewerbe einzustufen ist. Gerade bei neuen digitalen Geschäftsmodellen oder hybriden Tätigkeiten ist die Abgrenzung nicht immer eindeutig. Deshalb empfehlen wir, diese Frage möglichst frühzeitig zu klären.

Wie unterstützt das Institut für Freie Berufe Gründende auf diesem Weg?

Wir begleiten Gründerinnen, Gründer und Nachfolgeinteressierte bei allen Fragen rund um die Selbstständigkeit in den Freien Berufen. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Einordnung geplanter Tätigkeiten. Darüber hinaus beraten wir zu Gründungsschritten, Kosten, Anmeldungen und Fördermöglichkeiten. Wir bieten individuelle Beratungen, Workshops und Seminare an und prüfen Businesspläne. Wir können außerdem fachkundige Stellungnahmen ausstellen, die beispielsweise für den Gründungszuschuss benötigt werden. Darüber hinaus informieren wir auf Messen, Fachveranstaltungen und an Hochschulen über die Besonderheiten der Freien Berufe. Unser Ziel ist es, Orientierung zu geben und Gründende von Anfang an auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu begleiten.

Über das Institut für Freie Berufe (IFB)

Das Institut für Freie Berufe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg berät Gründungs- und Nachfolgeinteressierte in den Freien Berufen. Zu den Angeboten gehören individuelle Gründungsberatungen, Seminare und Workshops, die Prüfung von Businessplänen und vieles mehr. Zudem forscht das IFB zu Entwicklungen in den Freien Berufen und informiert regelmäßig über aktuelle Trends und Herausforderungen für Freiberuflerinnen und Freiberufler.

Das IFB arbeitet eng mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zusammen. Hier geht’s zur Webseite des Instituts für Freie Berufe.

Hotline 030-340 60 65 60 Für allgemeine Fragen
Montag bis Donnerstag: 8:00 - 18:00 Uhr
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