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28.08.2026 -

Mehrweg statt Müll: So gestalten Start-ups die Kreislaufwirtschaft von morgen

Einleitung

Warum geben wir eine Wasserflasche zurück, werfen die Salatschale aber in den Müll? Neue EU-Regeln sollen das ändern. Für Start-ups entstehen dadurch Chancen für innovative Mehrweglösungen.

Person gibt einen Mehrwegbecher an einem digitalen Pfandrückgabeautomaten zurück.

© Sykell

Seit dem 12. August 2026 gilt die neue EU-Verpackungsverordnung (PPWR). Damit wachsen für Unternehmen die Anforderungen an nachhaltige und kreislauffähige Verpackungslösungen. Für Gründende eröffnet das neue Marktchancen: Gefragt sind Lösungen, die Verpackungen mehrfach nutzbar machen, Rückgabe und Wiederverwendung organisieren und Kreisläufe wirtschaftlich betreiben.

Wie unterschiedlich solche Lösungen aussehen können, zeigen drei Start-ups: Das Berliner Unternehmen Sykell entwickelt Mehrwegsysteme und die digitale Infrastruktur dahinter. dotch, ebenfalls in Berlin ansässig, organisiert ein Mehrwegsystem für wiederverwendbare Glasverpackungen im Lebensmittelbereich. Und das Hamburger Start-up Boomerang ersetzt Versandkartons im Onlinehandel durch Mehrwegverpackungen, die sich einfach per Briefkasten zurückschicken lassen.

Alle drei Unternehmen wurden durch Förderangebote des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) unterstützt. Die Förderung half ihnen entscheidend dabei, Ideen weiterzuentwickeln, Pilotprojekte umzusetzen und neue Märkte zu erschließen.

Sykell: Damit Mehrweg im Alltag funktioniert

Beim Thema Mehrweg steht oft zuerst die Verpackung im Fokus. Für André Lang-Herfurth von Sykell greift das zu kurz: „Eine Verpackung ist kein Mehrwegsystem“. Damit Verpackungen tatsächlich mehrfach genutzt werden können, brauche es ein Zusammenspiel aus Rückgabe, Sortierung, Reinigung, Logistik und digitaler Verwaltung. Deshalb entwickelt Sykell die digitale Infrastruktur hinter Mehrwegsystemen. Die Software des Unternehmens unterstützt dabei, Verpackungen über viele Umläufe hinweg zu erfassen, Rückgaben zu organisieren und große Mengen automatisiert zu verwalten.

Warum Pfandsysteme für Getränkeflaschen selbstverständlich funktionieren, viele andere Verpackungen aber im Müll landen, hat für Lang-Herfurth einen einfachen Grund: „Weil wir Infrastruktur für die Getränkeflasche haben, aber nicht für die Salatschale.“ Wie eine solche Infrastruktur in der Praxis funktionieren kann, zeigt Sykell mit dem System „Einfach Mehrweg“. Entwickelt wurde es gemeinsam mit Handelspartnern, allen voran der Rewe Group als erstem großen Kunden. Heute lassen sich Verpackungen für Salate, Frischethekenprodukte oder Getränke bereits an Tausenden Standorten über bestehende Pfandautomaten zurückgeben.

Die Vision reicht jedoch darüber hinaus. In mehreren europäischen Städten kommen bereits öffentliche Rückgabesysteme für Mehrwegverpackungen zum Einsatz. In Kopenhagen unterstützt die Software von Sykell beispielsweise Rückgabeautomaten im öffentlichen Raum. Ähnliche Projekte gibt es unter anderem in Aarhus, Tallinn und Lissabon. Für Lang-Herfurth sind solche Lösungen ein Vorgeschmack darauf, wie selbstverständlich die Rückgabe von Salatschalen oder Kaffeebechern künftig werden könnte.

dotch: Hochwertiges Glas mehrfach nutzen

Während Sykell digitale Infrastruktur für unterschiedliche Mehrwegsysteme entwickelt, hat dotch ein eigenes Mehrwegsystem für Glasverpackungen aufgebaut. „Glas ist langlebig, lebensmittelecht und ein hochwertiger Werkstoff“, so Konstantin Koller von dotch. „Ich schmeiße zu Hause meine Gläser doch auch nicht weg, sondern stelle sie in die Spülmaschine.“ Ölflaschen, Konservengläser oder andere Lebensmittelbehälter aus Glas landen jedoch meist im Altglascontainer. Dort werden sie zerkleinert, eingeschmolzen und zu neuem Glas verarbeitet – ein energie- und CO₂-intensiver Prozess.

Die Lösung von dotch: Das aus dem Getränkebereich bekannte Mehrwegprinzip auf weitere Glasverpackungen zu übertragen. „Was unser System im Bereich des Glasmehrwegs einzigartig macht, ist, dass wir als zentrale Stelle die Verantwortung und Steuerung für das gesamte System übernehmen“, sagt Koller. „Unser Ziel ist es, die Teilnahme an Mehrweg für alle Akteure so einfach wie möglich zu machen und genau das erreichen wir durch unser System.“ Das Unternehmen organisiert Rücknahme, Reinigung und Wiederbefüllung und macht Mehrweg so auch für kleinere Hersteller nutzbar. Statt eine leere Ölflasche oder künftig ein Gurken- oder Apfelmusglas in den Container zu werfen, können Verbraucherinnen und Verbraucher sie im Supermarkt über Pfandautomaten zurückgeben. Heute ist das Mehrwegsystem von dotch deutschlandweit im Biofachhandel vertreten. Der nächste Schritt ist nun, es auch im konventionellen Handel zu etablieren.

Für Koller geht es dabei um weit mehr als die Vermeidung von Verpackungsmüll. Mehrwegsysteme könnten auch dazu beitragen, die Abhängigkeit von Rohstoffen und globalen Lieferketten zu verringern. Gleichzeitig sieht er handfeste wirtschaftliche Vorteile für Hersteller. „Nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich ist es sinnvoll, Glas mehrfach zu nutzen“, sagt er. Wer Glasbehälter mehrfach verwendet, muss weniger neue Verpackungen produzieren und kann Material-, Energie- und Verpackungskosten auf viele Umläufe verteilen.

Boomerang: Vom Müllkeller zur Mehrwegverpackung für den Onlinehandel

Die Idee für Boomerang entstand während der Corona-Pandemie, als die Zahl der Onlinebestellungen sprunghaft anstieg und mit ihr die Verpackungsmengen. „Wir hatten bei uns im Haus drei große Müllcontainer für Papier, die waren komplett voll und alles lag daneben“, erinnert sich Gründer Marc Engelmann. „Da dachte ich, das kann eigentlich nicht sein, dass wir immer eine Verpackung nehmen, die nur einmal benutzen und dann in die Tonne werfen.“

Aus dieser Beobachtung entwickelte er eine Mehrwegverpackung aus recyceltem Kunststoff für den Onlinehandel. Diese kann bis zu 50-mal genutzt und anschließend wieder wiederverwertet werden. Nach dem Auspacken lässt sie sich auf DIN-A4-Größe zusammenfalten und einfach in den nächsten Briefkasten werfen. Die Rücksendeadresse ist bereits integriert, das Pfand wird automatisch erstattet.

Die Idee stieß von Anfang an auf großes Interesse, Anfragen von Unternehmen wie Adidas oder Nespresso ließen nicht lange auf sich warten. In verschiedenen Onlineshops wurde die Boomerang-Verpackung als freiwillige Versandoption getestet. Rund 20 bis 30 Prozent der Kundinnen und Kunden entschieden sich dabei für Mehrweg. „Das ist schon ein recht guter Wert, wenn man das jetzt hochskaliert auf große E-Commerce-Unternehmen, die ja Millionen von Verpackungen verschicken“, so Engelmann. „Wenn die das flächendeckend ausrollen würden, wäre das eine extrem große Menge an Verpackungen, die man einsparen könnte.“

Anfangs überzeugte vor allem der Nachhaltigkeitsgedanke: weniger Verpackungsmüll, weniger CO₂ und ein positives Signal an die Kundschaft. Heute spielt für viele Unternehmen zusätzlich ein anderer Faktor eine wichtige Rolle: „Dass man mit Mehrwegverpackungen sehr viel Geld sparen kann“, sagt Engelmann. Die Verpackungen lassen sich vielfach wiederverwenden und senken langfristig die Kosten.

Neue Regeln schaffen neue Märkte

Für Boomerang war bereits der erste Vorstoß der EU-Kommission von 2022 zu Mehrwegquoten im Onlinehandel ein wichtiges Signal. „Das hat uns als jungem Unternehmen extremen Auftrieb gegeben“, sagt Engelmann. Zahlreiche Unternehmen seien dadurch auf die Lösung aufmerksam geworden. Auch wenn die ursprünglichen Vorgaben später abgeschwächt wurden, sieht das Start-up in der Verordnung weiterhin einen bedeutenden Impuls für mehr Kreislaufwirtschaft und weniger Verpackungsmüll.

Auch Sykell sieht Rückenwind. Die Verordnung bringe Unternehmen dazu, sich intensiver mit Verpackungsmüll und Ressourcennutzung auseinanderzusetzen. Lang-Herfurth ist überzeugt, dass Mehrweg dadurch weiter an Bedeutung gewinnen wird. Konstantin Koller von dotch bewertet die Entwicklung ähnlich: Die Verordnung werde Themen wie Zirkularität und Ressourcenschonung stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Einen klaren Trend hin zu mehr Kreislaufwirtschaft sehen die Gründer auch unabhängig von den Vorgaben der EU-Regelung. Dazu tragen nationale Strategien wie die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) der Bundesregierung bei, die die Wiederverwendung von Ressourcen und zirkuläre Geschäftsmodelle fördern soll.

Förderung als Anschub für Kreislaufideen

Die Förderangebote des BMWE gaben den Unternehmen den nötigen Spielraum, ihre Lösungen zu erproben und am Markt zu etablieren. So wurde dotch durch das EXIST-Förderprogramm unterstützt. „EXIST hat es einfach möglich gemacht, dass sich jemand mit diesem Thema beschäftigt“, sagt Koller. Die Förderung gab dem Team die Möglichkeit, gemeinsam mit Herstellern, Handel und weiteren Beteiligten ein Mehrwegsystem zu entwickeln, das sich in bestehende Prozesse integrieren lässt. Zudem habe die Teilnahme am Messeprogramm Young Innovators dem Unternehmen Sichtbarkeit auf wichtigen Fachveranstaltungen verschafft.

Sykell profitierte ebenfalls vom Young Innovators-Programm. Die Messeauftritte führten zu wichtigen Kontakten, internationalen Projekten und sogar zu einem Investor aus Singapur. Boomerang erhielt Unterstützung über das Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IGP). Für Gründer Engelmann war besonders wichtig, dass dort auch risikoaffine Vorhaben gefördert werden. „Das macht einen selbst mutiger, Investmententscheidungen zu treffen, Personal einzustellen, weil man weiß, man hat ein finanzielles Backup.“ Die Förderung habe Freiräume geschaffen, in Forschung, Entwicklung und Markttests zu investieren und das Geschäftsmodell weiterzuentwickeln.

Vom Nischenthema zum Standard?

Was heute noch als innovative Lösung einzelner Start-ups gilt, könnte schon in wenigen Jahren zum Alltag gehören. Davon sind die Gründer von Sykell, dotch und Boomerang überzeugt.

Konstantin Koller beschreibt das Zukunftsbild so: „Ich glaube, dass sich Lösungen, die jetzt gerade in Start-ups ausgedacht werden, in fünf bis zehn Jahren am Markt so relevant sein werden, dass man von Standards reden kann.“ Die Verpackung der Zukunft wird also nicht nur anders aussehen. Sie wird anders genutzt, anders zurückgegeben und anders organisiert. Genau dort entstehen neue Chancen für Gründende.

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